oculai stellt zwei Methoden bereit, um vorherzusagen, wann ein Projekt abgeschlossen wird. Sie basieren auf unterschiedlichen Annahmen, verwenden unterschiedliche Eingaben und beantworten leicht unterschiedliche Fragen. Das Verständnis dieser Unterschiede hilft dabei, die richtige Methode zu wählen und Abweichungen zwischen ihnen zu interpretieren.
Was jede Methode macht
Die Kritische-Pfad-Methode arbeitet auf Vorgangsebene. Sie nimmt den tagesaktuellen Stand des IST im Terminplan und führt die Planungs-Engine erneut aus, wobei bereits abgeschlossene und aktive Vorgänge fixiert werden. Zukünftige Vorgänge werden so behandelt, als würden sie genau so lange dauern wie geplant. Das Ergebnis ist eine prognostizierte Fortschrittskurve: ein einzelner deterministischer Verlauf, der zeigt, wie sich der kumulierte Fortschritt von heute bis zum Projektabschluss entwickeln wird – inklusive prognostizierte Enddaten für alle noch zukünftigen SOLL Vorgänge.
Die Monte-Carlo-Prognose arbeitet basierend auf der SOLL-IST Fortschrittskurve und ignoriert einzelne Vorgänge und deren Abhängigkeiten - der entscheidende Faktor ist das bisherige Tempo. Auf Basis dieses bisherigen Tempos werden 50.000 mögliche Zukunftsszenarien simuliert und eine Verteilung möglicher Fortschrittskurven erzeugt.
Der zentrale Unterschied
Die Kritische-Pfad-Methode fragt: Unter Berücksichtigung bereits eingetretener Beschleunigungen bzw. Verzögerungen – wann endet das Projekt, wenn alle verbleibenden Vorgänge wie ursprünglich geplant durchgeführt werden?
Die Monte-Carlo-Methode fragt: Wenn das Team im bisherigen Tempo weiterarbeitet – wann erreicht das Projekt 100% Fortschritt?
Das sind tatsächlich unterschiedliche Fragestellungen. Ein Projekt, bei dem Vorgänge größtenteils planmäßig abgeschlossen werden, das Tempo aber insgesamt konstant unter Plan liegt, zeigt in der Kritische-Pfad-Methode kaum Verzögerung, in der Monte-Carlo-Prognose jedoch deutliche Verzögerungen. Umgekehrt kann es vorkommen, dass strukturelle Verzögerungen im kritischen Pfad die Kritische-Pfad-Methode stark nach hinten verschieben, obwohl das allgemeine Arbeitstempo akzeptabel erscheint.
Wann welche Methode verwenden
| Kritische-Pfad-Methode | Monte Carlo |
Benötigte Eingaben | Vollständige Vorgangsstruktur mit Abhängigkeiten und IST-Daten | SOLL-IST Fortschrittskurve |
Ergebnis | Prognostizierte Start- und Enddaten für jeden Vorgang | Verteilung möglicher Fortschrittsverläufe |
Geeignet für | Analyse, welche Vorgänge Verzögerungen treiben | Bewertung, ob das Arbeitstempo zur termingerechten Fertigstellung reicht |
Frühe Projektphase | Zuverlässig auch mit wenig Historie | Unzuverlässig bei wenigen Datenpunkten |
Späte Projektphase | Kann zu optimistisch bzw. pessimistisch werden, wenn SOLL-Werte von IST-Werte durchweg abweichen | Zuverlässig bei ausreichender Historie |
Tempo-getriebene Projekte | Kann Verzögerungen unterschätzen | Bildet systematische Unter- oder Überperformance gut ab |
Abhängigkeitsgetriebene Verzögerungen | Berücksichtigt Verzögerungen entlang der Kette korrekt | Berücksichtigt Engpässe durch Abhängigkeiten nicht |
Wenn beide Methoden übereinstimmen
Wenn beide Methoden ein ähnliches Enddatum liefern, ist die Zuverlässigkeit der Prognose höher. Beide nähern sich dem gleichen Ergebnis aus unterschiedlichen Perspektiven: einmal über die Struktur des Plans, einmal über das beobachtete Arbeitstempo.
Wenn beide Methoden voneinander abweichen
Abweichungen sind oft aufschlussreicher als Übereinstimmungen.
Monte Carlo später als Kritische-Pfad-Methode: Das Team arbeitet konstant langsamer als geplant, aber der Terminplan hat das noch nicht vollständig berücksichtigt. Die geplanten Dauern sind vermutlich zu optimistisch.
Kritische-Pfad-Methode später als Monte Carlo: Strukturelle Verzögerungen in der Abhängigkeitskette verschieben den Endtermin, obwohl das allgemeine Tempo gut ist. Das passiert, wenn wenige kritische Vorgänge verspätet sind, während parallele Arbeiten schneller laufen als geplant. Das Problem liegt dann in der Reihenfolge, nicht im Tempo.
Einschränkungen beider Methoden
Die Kritische-Pfad-Methode geht davon aus, dass verbleibende Vorgänge exakt so lange dauern wie geplant. Ist der Plan unrealistisch, bleibt auch die Kritische-Pfad-Methode zu optimistisch. Außerdem benötigt sie eine gepflegte und aktuelle Vorgangsstruktur – ein veralteter Plan ist keine verlässliche Grundlage.
Die Monte-Carlo-Methode setzt voraus, dass die Zukunft der Vergangenheit ähnelt. Wechselt das Projekt jedoch in eine qualitativ andere Phase (z. B. von Untergeschossen zum Regelgeschossen), sind historische Werte möglicherweise nicht mehr repräsentativ. Zudem benötigt sie ausreichend viele Datenpunkte (= aufgezeichnete Wochen an Fortschrittsdaten) und kann nicht erklären, warum ein Projekt schneller oder langsamer verläuft.
